Der Januarstreik

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dkp-januarstreik-180128Wie der Frieden erzwungen werden kann.

Es herrscht Krieg. In Nordsyrien bekämpfen kurdische Gruppen mit deutschen Panzerabwehrraketen die türkische Armee mit ihren deutschen Leopard-Panzern. Deutsche Waffen und deutsches Geld morden mit in aller Welt. Solange Krieg geführt wird, sprudeln die Gewinne der Rüstungsunternehmen. Das war bereits vor 100 Jahren so: Im Ersten Weltkrieg entwickelte sich in den letzten Kriegsjahren ein barbarischer Stellungskrieg, bei dem es nur um die Vernichtung des Feindes durch Verpulvern von Menschen, Maschinen und Waffen ging. Die Bevölkerung nicht nur in München hungerte. Lebensmittel wurden durch den Staat rationalisiert, besonders Frauen wurden in der kriegswichtigen Rüstungsindustrie in einer 6-Tage-Woche und über 9 Stunden pro Tag beschäftigt. Ein amtlicher Stimmungsbericht schildert: „Die Familie [lebt] nur anscheindend von Brot und Kartoffeln. Für Gemüse Graupen, Grütze ist kein Pfennig mehr übrig, Kleider, Schuhzeug und Wäsche dürfen nicht erneuert werden, ja es reicht sogar nicht einmal dazu, die nötige Seife zum Waschen der Wäsche zu kaufen.“ Immer wieder kam es zu Protesten der Arbeitenden, der Staat antwortete mit mehr Polizei und Militär. Es schien kein Mittel zu geben, sich gegen diese Kriegswirtschaft und den Krieg an sich zu wehren.

Doch will man einen scheinbar übermächtigen Gegner bezwingen, so muss man sich seiner eigenen Macht klar werden: Die kriegswichtige Rüstungsindustrie war eben wichtig, um Krieg führen zu können. Wie beendet man den Krieg? Durch Streiks in den kriegswichtigen Industrien, denn dort tut es weh. Kurt Eisner, der spätere erste bayerische Ministerpräsident, trat 1914 noch gemeinsam mit der SPD für die verheerenden Kriegskredite ein, die den Krieg erst möglich machten. Eisner durchblickt die Kriegspropaganda der Herrschenden doch schließlich und kommt 1918 nach München, um die Münchner Beschäftigten zu überzeugen, sich an diesen Streiks zu beteiligen. Am 28. Januar darf er vor 800 Arbeitern in der Schwabinger Brauerei sprechen und ruft dort zur Beteiligung am Munitionsarbeiterstreik auf. In Berlin streiken an diesem Tag 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter für Frieden und für eine umfassende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen. Einen Tag später beschließen die Betriebsvertrauensleute der Kruppwerke (später: Thyssen-Krupp) in den Bayerischen Geschützwerken im Beisein von Kurt Eisner ihren Streik ab dem 31. Januar 1918. Im gesamten deutschen Reich beteiligen sich bereits über 250.000 Arbeiterinnen und Arbeiter am Streik.

Am 31. Januar streiken nicht nur 1.000 Münchner Kruppianer, es schließen sich auch die BMW-Arbeiterund die Beschäftigten der Bayerischen Flugzeugwerke an, die auf ihren Betriebsversammlungen im Mathaeserbräu für den Streik stimmen. Rund 6.000 Streikende ziehen durch München über die Sonnenstraße. Kurt Eisner wird daraufhin verhaftet. Am Tag darauf ziehen die streikenden Kruppianer zusammen mit Teilen der Lokomotivfabrik Maffei (später: Krauss-Maffei-Wegmann) zum Polizeipräsidium in der Ettstraße und fordern die Freilassung von Eisner und anderen Streikführern. Viele weitere Arbeiterinnen und Arbeiter fassen Mut und es schließen sich weitere Betriebe den Streiks an. An diesem Tag sind bereits rund 10.000 Münchner Beschäftigte im Streik. Auf der Theresienwiese versammeln sich viele Streikenden, um „dem Kriege des Wahnsinns und der Wahnsinnigen ein Ende zu bereiten.“ Die Streiks in den Kruppwerken und bei BMW waren besonders wichtig, da diese Werke für die Kriegsproduktion essenziell waren. Der neue Rüstungsstandort München wurde zur Archillesverse der Kriegsprofiteure.

Am 2. Februar beteiligten sich an den Streiks:

In ganz Bayern beiteiligten sich an den Januarstreiks etwa 75.000 Beschäftigte.

Doch so plötzlich die Streiks entflammten, so brachial fanden sie ihr Ende. Die SPD wiedersetzte sich von Anfang an den Streiks, wollte sie verhindern. Als sie nicht mehr zu verhindern waren, bemächtigten sie sich der Streikleitung. Dabei scheuten sich der rechte Parteiführer der bayerischen Sozialdemokratie Erhard Auer nicht, mit den Münchner Polizeibehörden gemeinsame Sache zu machen und bei der Verhaftung der Streikführer aktive „Amtshilfe“ zu leisten. Am 4. Februar erklärten sie den so hoffnungsvoll sich ausbreitenden Streik für beendet. Einzige Konsequenz: Die Forderungen werden der Reichsregierung unterbreitet.

Die so hoffnungsvoll begonnen Streiks wurden also in letzter Sekunde abgebrochen, ihr Erfolg wurde verhindert. Wäre dieser Streik weitergegangen, wäre der erste Weltkrieg bereits deutlich früher beendet worden. Frieden erstreiken kann also funktionieren. Die deutschen Gewerkschaften scheuen sich allerdings heutzutage davor, das Mittel des politischen Streiks einzusetzen. Grund genug gäbe es genug: Gegen das unsoziale Hartz-IV, für kostenfreien Wohnraum, gegen die momentan 19 Auslandseinsätze der Bundeswehr, für ein Verbot von Waffenexporten.

Am Sonntag, 28. Januar 2018, kehrt Kurt Eisner zurück. Er ruft ab 14.30 Uhr vorm ehemaligen Schwabinger Bräu (Leopoldstraße 82) abermals zum Munitionsarbeiterstreik auf.