Neue Stolpersteine im Allgäu

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3.7.14: Am 30.6.14 und 1.7.14 wurden von der Stolpersteininitiative Kempten und Umgebung erneut Stolpersteine verlegt. Auf dem Kemptener Friedensplatz (wo es bereits ein Mahnmal an die Opfer des Nationalsozialismus und einen Gedenkstein an die Deportation der jüdischen Mitbürger gibt) wurden zwei Stolpersteine für die polnischen Zwangsarbeiter Josef Chalupka und Boleslav Baran eingelassen.

 

Die beiden wurden Ende 1943 in Waldstücken bei Voggenthal und Lenzfried in der Umgebung Kemptens wegen Nichtigkeiten erhängt. Zugegen waren Kemptener Autoritäten sowie auch Zwangsarbeiter, die gezwungen wurden, der Hinrichtung beizuwohnen. KZ-Häftlinge aus den Außenlagern Kempten und Kottern des KZ Dachau wurden ebenfalls gezwungen, Henkersdienste zu verrichten. Die beiden Zwangsarbeiter waren in der Landwirtschaft eingesetzt. Viele der insgesamt etwa 15.000 im Arbeitsamtsbezirk Kempten eingesetzten Zwangsarbeiter waren, wie auch die KZ-Häftlinge der Außenlager von Dachau in Kempten (Tierzuchthalle) und Kottern (Spinnerei und Weberei), bei der Produktion von Motorsteuergeräten für Flugzeugmotoren für BMW und ebenfalls Flugzeugzubehör für Messerschmitt eingesetzt.

Bei der Stolpersteinverlegung hielt auch der neugewählte Oberbürgermeister Thomas Kiechle (CSU und Sohn des früheren Bundeslandwirtschaftsministers Ignaz Kiechle) eine kurze Rede, was insofern bemerkenswert ist, als einer seiner Vorgänger noch vor etwa 25 Jahren, als die Diskussion um die Entschädigung der Zwangsarbeiter begann, bei öffentlicher Gelegenheit geäußert haben soll, dass es in Kempten nie Zwangsarbeit gegeben habe.

Sogar acht Steine verlegte Gunter Demnig am Eingang zum Friedhof in dem Dorf Hellengerst (Markt Weitnau). Mit ihnen wird einer Mutter und ihren Kindern gedacht, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Sinti in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Die Familie Rötzer wohnte zur Miete in einem Häuschen in Hellengerst und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Haustürhandel, wofür sie mit einem Karren mit Kleinwaren durch die Gegend zog. Eigentlich wusste niemand oder kümmerte sich niemand um ihre Sinto-Abstammung. Doch dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Der Vater wurde schwer krank und starb. Daraufhin wollten die (wiederum schwangere) Witwe und der Hausbesitzer heiraten, um dem Ganzen doch noch eine gute Wendung zu geben. Bei der Prüfung der Dokumente zur Vorbereitung der Trauung stießen die Behörden auf die Zugehörigkeit zu den Sinti. Wenig später wurde die Familie mit dem Lastwagen abtransportiert.

Bei der Stolpersteinverlegung waren neben dem Weitnauer Bürgermeister Alexander Streicher auch eine ganze Anzahl Menschen zugegen, die die Rötzers noch persönlich kannten.

Schließlich wurde noch ein Stolperstein in Burgberg am Fuße des Grünten verlegt, im Gedenken an Walburga Kessler. Sie wurde als Behinderte in verschiedenen süddeutschen Heimen gepflegt und kam 1941 in die Nervenheilanstalt Kaufbeuren. Am 31.7.1944 wurde sie nach Unterlagen dieser Anstalt in Irsee bei Kaufbeuren ermordet. Bei der Stolpersteinverlegung waren auch Vertreter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren anwesend.

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