DKP Allgäu - Aktuelles

Ein Gruß dem 1.Mai – aus der Räterepublik 1919

Ein Gruß dem 1.Mai – aus der Räterepublik 1919

Gedicht von Adolf Schmidt, 2.Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats in Kempten, in „Allgäuer Volkswacht" („Organ der Interessen des werktätigen Volkes", gegründet am 7.April 1919) am 1.Mai 1919.

Wir grüßen Dich als unsern Feiertag!
Den wir erkämpft, den wir errungen,
Den wir ersehnt, den wir besungen,
Wir grüßen Dich als unsern Freiheitstag!
Du Freiheitstag, an den wir immer glaubten
Als Tag der Rettung aus der Tyrannei
Und aus den Banden aller Barbarei
In die uns unsre Feinde lange schraubten.
Die Zeit der Tyrannei ist nun zu Ende,
Gebrochen war der langen Knechtschaft Pein.
Den Armen leucht nun auch der Freiheit Sonnenschein
Und freudvoll umschlingen sich die Hände.
Am Tag der Freiheit soll ein Lied erschallen
Das mächtig brausend aufsteigt zu den Sternen
Und tausendfältig wiederhallt in allen Formen,
Des Leibes und der Seele Ketten sind gefallen!
Nur eines noch: Auch aus der Selbstsucht Banden
Sollt Ihr befreien Euch am 1.Mai –
Erst dann seid Ihr in Wahrheit wirklich frei,
Und alles was nicht frei ist, wird zu Schanden.
Ein neues edles Menschentum soll dann entstehen
Mit edlem Sinn und wahrheitsfrohem Blick.
Ein jeder trage bei zu bess'rem Menschenglück,
Das dauernd ist und ewig soll bestehen.
Du 1.Mai sollst sein der Meilenstein
Auf unsrem harten Weg zum Ziel dem weiten
Ein freudiges Verweilen, dann woll'n wir weiterschreiten.
Der Tag der Freiheit soll ein Tag der Freude sein!
Wir grüßen Dich als unsern Feiertag!
Den wir erkämpft, den wir errungen,
Den wir ersehnt, den wir besungen.
Wir grüßen Dich als unsern Feiertag!
 

Adolf Schmidt (*1886 Neunkirchen,+1980 Penzberg), Buchdrucker und Setzer (sog.“Schweizer Degen“), kam 1913 nach Kempten, wurde im Krieg schwer verwundet und trat im November 1918 von der SPD zur USPD über. Im Anschluss an eine am 8.November stattgefundene, von der MSPD schon länger einberufene Volksversammlung, die zunächst von Bürgermeister und Militär angesichts der revolutionären Vorgänge in München verhindert werden sollte, wurde ein Arbeiterrat und ein Soldatenrat gewählt. Eine Woche später wurde Adolf Schmidt zum Zweiten Vorsitzenden des ASR Kempten gewählt, nachdem ihn seine Buchdruckerkollegen auf einen Lkw geschoben hatten, um auf der Schwaigwiese eine Rede zu halten. Ein kleines Büro bezog der ASR im obersten Stockwerk der fürstäbtlichen Residenz. Größere Versammlungen fanden, wenn nicht im Freien, im Kolosseum (eine Art Stadthalle, später Kino) und im Bürgersaal (später ebenfallsein Kino) statt. Der kurz darauf gebildete Bauernrat tagte in der Turnhalle der Wittelsbacherschule. Das Wirken des ASR beschränkte sich auf die Beseitigung von Missständen in den Betrieben und in der öffentlichen Versorgung (z.B. fehlende Toiletten in der Seifenfabrik Schachenmayr – die Beschäftigten mussten in den angrenzenden Wald, Unterbezahlung in der Papierfabrik Hegge, Reduzierung der Käseproduktion, damit die Kleinkinder mehr Milch bekamen usw.). Der ASR übernahm keine Exekutivfunktionen, sondern beschränkte sich auf die Kontrolle des Magistrats, der Polizei, der Post etc.

Bereits am 12./13. Mai 1919 endete die Räterepublik in Kempten, nachdem von Norden her reaktionäre Reichswehrtruppen und das in Memmingen aufgestellte Freikorps Schwaben einrückten. Die Aktivisten des ASR wurden festgenommen und am 1. Juli 1919 vor ein Standgericht gestellt. Der Vorsitzende Wilhelm Deffner (MSPD, Gewerkschaftssekretär der Textilarbeiter) wurde freigesprochen (er verteidigte sich damit, nur mitgemacht zu haben, um Schlimmeres zu verhüten. Er wurde übrigens weit über 100 Jahre alt und lebte zuletzt in Augsburg und war etliche Jahre der älteste Sozialdemokrat und der älteste Gewerkschafter Deutschlands. Seine Frau Aurelia war zeitweilig ebenfalls im Vorstand des ASR und gehörte zu den ersten Frauen, die 1919 in den bayrischen Landtag gewählt wurden). Adolf Schmidt wurde in dem Prozess zu 3 Jahren Festungshaft verurteilt, die er in Niederschönenfeld (bei Rain am Lech) absaß. Er hatte dort regen Gedankenaustausch mit den Mitgefangenen Ernst Toller, Erich Mühsam und Ernst Niekisch. Erich Mühsam erwähnt ihn – im Gegensatz zu den anderen dort einsitzenden Kommunisten – sehr wohlwollend in seinen Tagebüchern. Als sachlich richtige Feststellung und zu seiner Verteidigung hatte er ausgeführt, dass es sich bei der Räterepublik nicht um eine Revolution gehandelt habe. Es sei in Kempten niemandem ein Haar gekrümmt und kein Eigentum angetastet worden.

Trotz Inhaftierung wurde Adolf Schmidt 1919 in den Bayerischen Landtag gewählt. Zunächst für die USPD, wechselte dann zu VKPD und schließlich zur KPD. Die Nicht-Aufhebung der Immunität der inhaftierten „Revolutionäre“ war ein ständiger Diskussionspunkt im ersten bayerischen Landtag nach 1918. Erst ab 1922 konnte Schmidt sein Mandat wahrnehmen. Nach der Freilassung aus der Festungshaft wurde er auf dem Kemptener Bahnhof von 200 Anhängern empfangen und in einer Demonstration mit roten Fahnen zum Bürgersaal geleitet.

1924 erkrankte Schmidt schwer und trat aus der KPD aus. 1928 war er jedoch (und das bis 1933) politischer Leiter des Unterbezirks Allgäu der KPD. Nach der Machtübertragung an die Faschisten 1933 tauchte er zunächst unter, wurde aber im Mai bei einem illegalen Treff in der Wirtschaft „zum Anker“ festgenommen. Bis 1945 war er dann zweimal im KZ Dachau inhaftiert und in mehreren Gefängnissen. 1945 marschierte er beim Einmarsch der Amerikaner ins Rathaus, requirierte einen Raum mit Telefon und führte in Kempten auf eigene Faust Verhaftungen von Nazis durch. Von der US-Besatzungsmacht wurde er kurzzeitig als stellvertretender Bürgermeister Kemptens und dann als Landrat des Landkreises Kemptens eingesetzt, was er dann ein Jahr lang blieb. Im hohen Alter heiratete er, verwitwet, Betty März aus Penzberg, die Witwe des in der Penzberger Mordnacht getöteten Ludwig März. Er starb 1980 in Penzberg.

Die „Allgäuer Volkswacht“, in der obiges Gedicht erschienen war, wurde übrigens noch am 12. August 1919 Opfer eines rechtsradikalen Anschlags: 25 Reichswehrangehörige überfielen nachts zwischen 24.00 Uhr und 1.00 Uhr die Druckerei der Zeitung. Die Druckmaschinen wurden unbrauchbar gemacht und die Drucksätze und Druckplatten in die Iller geworfen. Ob die Täter mit oder ohne Wissen ihrer Vorgesetzten die Kaserne verlassen hatten, war angeblich nicht mehr zu klären. Von dem Vorfall erfuhr die Öffentlichkeit übrigens erst im Jahre 1937 durch einen Bericht über die Vorgänge im Allgäu zwischen November 1918 und 1920 von Major Pitrof, dem Kommandierenden des Freicorps Schwaben.

Siehe hierzu (auch die dortigen Literaturhinweise):

 

 https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Schmidt_(Politiker,_1886)

 

 http://www.vvn-augsburg.de/9_allgaeu/Erinnerungsorte.htm

 

 http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Presseberichte/AllgZtg20131125.pdf

 

 http://dkp-muenchen.de/index.php/dkp-allgaeu/aktuelles/1085-die-baierische-raeterepublik-im-allgaeu--bombenanschlag-auf-fuessener-bezirksamt-eine-buchbesprechung

 

Auschwitz-Gedenktag in Kempten

Auschwitz-Gedenktag in Kempten

Am 27. Januar fanden in Kempten seit vielen Jahren Kundgebungen an einschlägigen Gedenkorten statt. Aus Anlass des von dem ehemaligen Bundespräsidenten Herzog initiierten und seit 1996 gesetzlich verankerten Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus, sowie des von den Vereinten Nationen im Jahr 2005 proklamierten, inhaltlich enger gefassten, Holocaust-Gedenktags. Beides nimmt Bezug auf die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee.

In der Vergangenheit war das Gedenken regelmäßig eine Veranstaltung der „Initiative Stolpersteine Kempten und Umgebung“ und der DIG (Deutsch-Israelische Gesellschaft). In diesem Jahr zeichneten als verantwortlich erstmalig ebenfalls die Stolpersteininitiative, sowie die im Aufbau begriffene Regionalgruppe Allgäu der VVN-BdA. Das führte zu neuen Formen und Qualitäten des Gedenkens.

Statt an einem Ort (zumeist am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Friedensplatz, das seinerzeit von einer Schulklasse gestaltet wurde) wurde diesmal ein Schweigemarsch zu verschiedenen Gedenkorten konzipiert. An jeder Stelle wurde durch Referenten die Eigenheit des jeweiligen Ermordeten herausgearbeitet. Als Referenten konnten dieses Jahr außergewöhnlich „hochkarätige“ Persönlichkeiten gewonnen werden. Siehe im Einzelnen in der Folge.

Beginnend an den drei Stolpersteinen für die Familie Kohn (vor dem heutigen Kaufhaus Reischmann) zeichnete für die Stolpersteininitiative Johann-Georg Gauter, ehemaliger Pastor und Friedensaktivist in Berlin, deren Leidensweg nach. Er wies auch darauf hin, dass der Antisemitismus und die Ausgrenzung der Juden sehr viel weiter zurückreicht, als bis 1933. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Kempten Juden drangsaliert.

Nicht weit ging es zu dem Stolperstein für Max Schwer. Der 1884 geborene wurde in die „Nervenanstalt Kaufbeuren“ eingewiesen und von dort im Rahmen der berüchtigten Aktion T4 in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort ermordet. Sein Lebensweg wurde von der Bundestagsabgeordneten der LINKE, Susanne Ferschl aus Kufbeuren nachgezeichnet. Sie betonte auch die nach wie vor bestehende Aktualität des Schwurs von Buchenwald.

Nächste Station war der Stolperstein für Andor Akos (renommierter und stadtbildprägender Architekt in Kempten und bayrisch Schwaben zwischen den beiden Weltkriegen). Die GRÜNE-Stadträtin und Landesvorsitzende Bayern der KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung), Erna-Kathrein Groll, schilderte sein Verhängnis: gebürtiger Ungar, Erster-Weltkriegs-Hauptmann der österreichischen k.u.k Armee, meldete er sich zu Kriegsbeginn freiwillig zur Reichswehr. Nun war er aber zwischen Katholizismus und Judentum hin- und herkonvertiert und erhielt behördlicherseits brieflich die Aufforderung, im Interesse keines großen Aufhebens und zum Schutz seiner Familie die in sein Wiener Hotelzimmer gelegte Pistole zu benutzen. Das tat er denn auch.

Vorletzte Station waren dann vor dem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus die beiden Stolpersteine für die polnischen Zwangsarbeiter Boreslaw Baran (geb. 1916) und Josef Chalupka (geb. 1926). Dort erläuterte die SPD-Landtagsabgeordnete Ilona Deckwerth aus Füssen deren tragisches Ende. Sie wurden verdächtigt, Feindsender abgehört zu haben, wurden ohne weiteres rechtliches Verfahren in Waldstücken bei Kempten erhängt. Mehrere hundert KZ-Häftlinge aus dem Dachauer Außenlager Kempten/Kottern und Zwangsarbeiter mussten zur Abschreckung der Erhängung zusehen. Auch Ilona Deckwerth schloß mit der Aufforderung des Schwurs von Buchenwald: Nie wieder!

Ursprünglich geplant war der weitere Gang zu dem Stolperstein und der Gedenktafel für den Gewerkschafter, Arbeitslosenausschussvorsitzenden und Kommunisten Willy Wirthgen. Im letzten Moment wurde das von einigen Veranstaltern als zu weit erachtet. Nichtsdestotrotz begab sich die dort vorgesehene Referentin, IG-Metall-Aktive und Hausbewohnerin der Örtlichkeit, Christiane Jansen, zum Mahnmal der Opfer des Nationalsozialismus, um dort ihre kurze Rede vorzutragen. Am Lebensweg von Willy Wirthgen arbeitete sie heraus, was Standhaftigkeit und Mut für das Einstehen seiner Überzeugungen bedeutet und dass das auch heutzutage durchaus seine Notwendigkeit hat. Konnte sie doch jüngst feststellen, dass in einem Gewerkschaftslehrgang jemand völlig unbehelligt ein Nazi-T-Shirt tragen konnte.

Abschließend zogen die ca. 40 Aktionsteilnehmer (darunter auch die dritte Bürgermeisterin von Kempten, Sibylle Knott – Freie Wähler) zu dem 25 m entfernten Gedenkstein der Jüdischen Kultusgemeinde Bayerns an die Deportation der Kemptener Juden 1942 über München nach Piaski. Ein jüdisches Gebet, vorgetragen von Ibo Gauter (Stolpersteininitiative) beendete den Schweigemarsch.

Eingeladen wurde zu einem anschließenden Zusammensein im Haus International mit Ansehen eines Konzerts von Esther Bejerano und Microfon Mafia über You-Tube. Da gab es technische Probleme, was die Gespräche nicht behinderte. Es wurde bekanntgegeben, dass zwei der Referentinnen an den einzelnen Gedenkorten in die VVN-BdA eintreten wollen.

Ein Manko war vielleicht, dass es infolge der Kürze der Vorbereitungszeit eine ungenügende Ankündigung, vor allem der beteiligten Referent*innen, in der örtlichen Presse gab.

27.1.18 kw

Nächster Gruppentreff

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Samstag, 10. Februar 2018
Gruppentreff der DKP Allgäu
Diskussionen zu aktuellen politischen Ereignissen
10.02.18 | 14 Uhr | Jugendzentrum „react!OR“ in Kempten, Frühlingstr. 17

Unser Wunsch fürs neue Jahr...

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... und ansonsten allen Besuchern dieser Seite alles Gute.
 
Das Foto entstand bei der Demonstration gegen die AfD und den Auftritt von Frauke Petry im Juni 2016 in Lindenberg im Westallgäu. Wie uns gesagt wurde, stammt die Fahne aus den Beständen der SPD Lindau.
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